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Nachhaltigkeit im Kaffeesektor
Die ehemalige norwegische Ministerpräsidentin und Generaldirektorin der WHO, Gro Harlem Brundtland, prägte die Kurzformel People, Planet, Profit. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.
Dennoch weist auch der Kaffeesektor - wie viele andere Branchen – Charakteristiken auf, die sich nicht so leicht mit Nachhaltigkeit vereinbarten lassen.
Bei den Anbauländern haben wir es zum überwiegenden Teil mit Ländern aus der Dritten Welt zu tun, für die Kaffee eine wichtige Deviseneinkunftsquelle ist. Meist besteht eine nationale Gesetzgebung, die soziale Kriterien regelt (z.B. Mindestlöhne, Schulpflicht, Arbeitsbedingungen etc) und Betrieben auch ökologische Vorschriften macht. Oft ist der Staat aber nicht in der Lage oder willens, seine eigenen Gesetze durchzusetzen.
Der Preis für Rohkaffee wird an den Warenterminbörsen von New York und London gehandelt. Die Kaffeeanbau-Länder stehen miteinander in scharfem Wettbewerb. Der Preis ist das Kriterium, das über Kauf und Verkauf entscheidet. In Ländern mit funktionierenden Gesetzen ist dagegen auch nichts einzuwenden. Können diese aber nicht durchgesetzt werden, wird alles gemacht, damit günstig produziert werden kann. D.h., dass sogar soziale und ökologische Mindestkriterien nicht erfüllt werden, weil sie den Preis verteuern. Sie sind nicht im Preis inbegriffen, weil sich immer jemand findet, der zu noch schlechteren Arbeitsbedingungen arbeiten muss. Und Umweltschutz lohnt sich oft kurzfristig finanziell eben auch nicht.
Der ganze Kaffeesektor ist nicht sehr transparent: Meist wird Kaffee aufgrund einer geographischen Herkunftsbeschreibung oder einer Tassenqualität eingekauft. Damit kann der Kaffee aber aus einer grösseren Region stammen und es ist nicht mehr ersichtlich, welche Farm(en) oder Kooperative(n) ihn produziert hat(haben). Oft wird er über viele Stationen gehandelt, bis er beim Röster ankommt. Wenn man aber nicht weiss, wo der Kaffee herkommt, kann man auch nicht wissen, wie er produziert worden ist. Aus diesem Grund ist Rückverfolgbarkeit eine Voraussetzung für nachhaltige Produktion.
Glücklicherweise ist es aber auch so, dass sich innert kurzer Zeit im Bereich Nachhaltigkeit in der Kaffeewelt viel zum Positiven verändert hat.
Konsumentinnen und Konsumenten sind immer besser informiert und erwarten nicht nur, dass ihnen qualitativ einwandfreie Produkte angeboten werden, sondern eben auch, dass diese mit Respekt für Mensch und Umwelt hergestellt worden sind. Obwohl die meisten Konsumenten nicht bereit sind, für ein nachhaltiges Produkt mehr zu bezahlen, weil sie eine „anständige“ Produktion schlicht voraussetzen, wollen die Anbieter von Kaffee diese Erwartungen mehr und mehr erfüllen.
Lebensmittelsicherheit ist ein wichtiges Thema. Die Gesetzeslage in europäischen Ländern verpflichtet z.B. die Hersteller von Lebensmitteln, dass sie Produkte, die nicht einwandfrei sind, innert kürzester Zeit von den Regalen zurückziehen können. Damit eine lückenlose Aufklärung möglich ist, ist es nötig, genau zu wissen, wie ein Produkt hergestellt worden ist und wo genau es herstammt. Diese Fragen sind also wesentlicher Bestandteil des Risk Managements der Lebensmittelproduzenten/Röster/Supermärkte.
Firmen wollen ihre Verantwortung in einer globalisierten Welt zunehmend wahrnehmen. Sie werden sich ihres grossen Einflusses auf die Produktionsbedingungen in den Anbauländern mehr und mehr bewusst. Sie fragen vermehrt nachhaltig produzierte Produkte nach und erfüllen damit einerseits die Erwartungen ihrer Kundschaft und reduzieren andererseits das Risiko im Herstellungsprozess. Sie investieren so letztlich in das Image ihrer Firma oder Marke. Marktsondierungen haben ergeben, dass eine absolut überwiegende Zahl von Konsumenten lieber Produkte von Firmen kauft, die über einen guten Ruf verfügen, was den Umgang mit Mensch und Umwelt betrifft. (Stichwort hier: Corporate Social Responsibility: es gibt heute kein bekanntes grösseres Unternehmen, das nicht jährlich mit seinem Corporate Social Responsibility Report aufwartet).
Wie ist es nun möglich, Nachhaltigkeit sicherzustellen?
Praktisch allen Nachhaltigkeitsprogrammen ist gemeinsam, dass sie soziale, umweltschonende und auch ökonomische Kriterien beinhalten. Diese Kriterien basieren i.d.R. auf international anerkannten Standards (z.B. auf den Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO etc.). Zum überwiegenden Teil handelt es sich um Zertifizierungssysteme, die durch externe Kontrollen sicherstellen, dass die Kriterien der verschiedenen Verhaltenskodexe eingehalten werden, die Produktionsbedingungen also in Ordnung sind. Oft kann dann auf der Verpackung ein Logo angebracht, damit dies für den Kunden auch ersichtlich ist.
Unterschiedliche Nachhaltigkeitsprogramme
Es gibt verschiedene Wege, sich dem Ziel der Nachhaltigkeit zu nähern. Dies spiegelt sich in den Unterschieden der verschiedenen Programme wieder.
Während die einen das Hauptaugenmerk auf soziale Kriterien legen, steht für andere die Umwelt im Vordergrund. Und für noch einmal andere geht es um den richtigen Mix, der Umwelt und Soziales beinhaltet, aber zusätzlich auch noch Wert auf eine effiziente, gut Organisierte Produktion legt. Daraus resultieren höhere Erträge, weil Qualität und Menge steigen, und der Produzent verbessert seine Wettbewerbsfähigkeit.
Es gibt traditionell starke Labels, die von einer kleinen Gruppe von Konsumenten bewusst mit höheren Preisen unterstützt werden. Zusätzlich gibt seit wenigen Jahren auch Labels, die auf Käufer ausgerichtet sind, die von ihrer Marke schlicht erwarten, dass die Produkte anständig – mit Respekt für Umwelt und Mitmensch - angebaut worden sind. Diese sind nicht bereit sind, für so ein Produkt mehr zu bezahlen, weil sie finden, dass das eigentlich selbstverständlich ist. Dort unterstützt das Label die Kaffeemarke im Sinne einer unabhängigen Kontrolle (kein Co-Branding). Diese preislich marktorientierteren Programme erlauben es Röstern, nicht nur eine Mischung, sondern ihr ganzes Sortiment aus nachhaltigem Kaffee zu gestalten.
Die Preisgestaltung der verschiedenen Nachhaltigkeitsprogramme ist sehr unterschiedlich. Hier gehen die Philosophien weit auseinander. Während die einen mit guten Gründen für Mindestpreise einstehen, basieren bei anderen – ebenfalls mit guten Gründen - die Preise auf dem Weltmarktniveau plus einer eher kleinen Prämie, die ausschliesslich die Zusatzkosten für soziale und umweltschonende Produktion abdecken sollen. Damit können auch normale Massenprodukte nachhaltig hergestellt werden.
Nachhaltigkeit hat also nichts mit Wohltätigkeit oder gar Almosen zu tun. Umso mehr mit Respekt für Mitmensch und Natur. Da sind wir alle aufgerufen, unseren Beitrag zu leisten.
Für Röster, die ihrer Kundschaft also Qualität im weitesten Sinn des Wortes anbieten wollen (nicht nur Tassenqualität, sondern auch Herstellungsqualität), sind Zertifizierungssysteme eine sehr gute Option. Der Produzent wird für seine Anstrengungen im sozialen und umweltschonenden Bereich mit einem etwas höheren Preis belohnt und motiviert, weiterzumachen. Für eine Zusatzleistung erhält er eine Gegenleistung in Form eines etwas höheren Preises.
Es ist sehr begrüssenswert, wenn mehr und mehr Röster sich um die Nachhaltigkeit ihrer Produkte kümmern. Umso mehr in einem Spezialitäten-Kaffee-Verband wie dem SCAE, wo allen daran gelegen sein muss, die Vielfalt und die guten Qualitäten der Rohprodukte auf lange Sicht sicherzustellen.
Im Anhang (Download) steht eine Matrix zur Verfügung, die die gängigen Nachhaltigkeitsprogramme einander gegenüberstellt. Folgende Fragen können eine Hilfestellung für die Auswahl des für Sie passendsten Programms sein:
• Sind die Qualitäten und Ursprungsländer, die ich für meine Mischungen brauche,
bei den verschiedenen Zertifizierungssystemen überhaupt vorhanden?
• Wie oft und wie werden die Kontrollen auf den Farmen durchgeführt
(durch unabhängige Dritte? Durch die das Nachhaltigkeitsprogramm selbst?)
• Was ist der hauptsächliche Fokus des Nachhaltigkeitsprogramms und stimmt dies
mit meinen Werten und dem, was die Kunden mit meiner Marke assoziieren, überein?
• Welches sind die tatsächlichen Auswirkungen auf dem Feld. Was verändert sich wirklich?
• Welche Regeln bestehen in Bezug auf die Verwendung eines Logos? Wie glaubwürdig sind diese?
• Will ich das Label in den Vordergrund stellen oder soll mein Markenname das Hauptaugenmerk bleiben?
• Habe ich ein bestimmtes Kundensegment für meine nachhaltigen Produkte im Auge
oder will ich allen Kunden ein gutes, unter anständigen Bedingungen angebautes
Produkt anbieten? Nische oder ganzes Sortiment?
Für weitere Informationen zum Thema Nachhaltigkeit können Sie gerne kontaktieren
Anita Aerni, Sustainability/Traceability SCAE Swiss Chapter
Tel. +41 31 921 58 67, anita.aerni@utzcertified.org
Links zu Zertifizierungsprogrammen
• Fair Trade/Max Havelaar: http://www.maxhavelaar.ch/de/
• UTZ CERTIFIED Foundation, Certified Responsible Coffee http://www.utzcertified.org
• Rainforest Alliance: http://www.rainforest-alliance.org/
• BIO SUISSE: http://www.bio-suisse.ch/
• EurepGap: http://www.eurepgap.org/coffee/Languages/English/approvals.html
Link zu Verifizierungsprogramm
• Common Code for the Coffee Community: http://www.sustainable-coffee.net





